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Dorothea Eimert

Hören als Gegenstand des Sehens


Musik und bildende Kunst finden – verstärkt seit den 1960er Jahren – in immer neuen Varianten zueinander. Ein Wahrnehmungs- und Schöpfungsfeld jenseits von medialen Bindungen entfächert ein fast unendlich vielfältiges Kaleidoskop des Hörens und Sehens und animiert Künstler immer wieder aufs neue zu weiterführenden Entdeckungen und Entwicklungen.

Die Materialvielfalt im heutigen Kunstschaffen ist verwirrend unbegrenzt. Andreas Suberg und Nikolaus Heyduck begegnen diesem Umstand mit Reduktion, mit der Reduktion auf das Produkt Glas und seine ergiebigen klanglichen und optischen Strukturen. Die Ausstellung Glasotronik – colis fragile zeichnet ihren konsequenten Weg, die Klangwelt von Glas zu erobern und in Objekten die Schönheit und grafische Vielfalt zu erkunden.

Die optischen Realisationen in der Ausstellung beschränken sich auf die Komposition der Raumstruktur. Da sind technische Materialien wie Kabel, Lautsprecher, Glasscherben, Glasbehälter jeglicher Form, auch als Ready-mades, und weiße Podeste als Hilfsmittel zur Positionierung der Klangobjekte. Sie wirken wie personalstilistische Elemente. Aber sie haben keinen höheren Stellenwert als ehemals die technischen Mittel für einen Maler wie Farbe, Pinsel und Leinwand. Von elementarer Bedeutung dagegen werden die Empfindungsqualitäten der Materialien. Ihre Erscheinungsbilder – bauchig oder langgestreckt, feingliedrig oder kompakt, durchsichtig, opak oder farbig – entwickeln in der Zuordnung zueinander bewegte Strukturkompositionen im Wechselspiel von Bewegung und Ruhe, von Geräusch und Stille. Die Materialien verbergen zunächst ihre künstlerischen Qualitäten, geben sie aber frei im Wahrnehmungsprozeß eines jeden Betrachters, im Prozeß des Bewußtmachens: die Materialien vervollständigen sich erst durch den Betrachter und dessen dekonstruktivistische Rezeption selbst.

Die Bewußtmachung des Hörens wird in die des Sehens projiziert, und dem Sehen werden Klangräume zugeordnet. Nun funktioniert Sehen auf einer anderen Ebene als das Hören, und Hören und Sehen entpuppen sich oft schwieriger als Denken. Ein bedingungsloses Einlassen ist sowohl vom Schaffenden als auch vom Rezipierenden gefordert. Dem Abstumpfen oder gar Vereinsamen der Sinne durch die Attacken des Lauten im Alltag – sowohl akustisch wie visuell – setzt das Leopold-Hoesch-Museum Optionen entgegen wie diese Ausstellung mit KlangObjekten, um die Sinne verfeinern und sensibilisieren zu helfen. Seit den 1980er Jahren präsentiert das Leopold-Hoesch-Museum Düren Ausstellungen und Aktionen mit Klangskulpturen, Klangräumen, Bild-Ton-Installationen und geht bewußt auch in die Reaktivierung nicht offiziell anerkannter Sinne außerhalb der fünf bekannten; wir stützen uns dabei auf aktuelles wissenschaftsphilosophisches Denken eines Rupert Sheldrake oder Ervin Laszlo.

Ein markantes Objekt der Ausstellung ist die Installation Bruchstücke für zwölf Lautsprecher von Nikolaus Heyduck. Lautsprecher ohne Resonanzkästen stehen auf Stativen im Kreis. Wie Teller geformt sind sie. Unterschiedlichste Glasscherben liegen in ihnen. Wie von Zauberhand bewegt erklingen sie zum Konzert. Die Lautsprechermembrane dienen der Übertragung von Vibrationen. Deren Ursprung ist die Aufnahme eines angestrichenenen Weinglases, dessen Klänge in elektronischer Bearbeitung mehrkanalig auf diese Lautsprecher gegeben werden. Die Transpositionen sind teilweise so tieftönig und für das menschliche Ohr nicht hörbar, dass nur das Einwirken der Vibrationen auf die Lautsprecher im Klirren der Glasscherben sichtbar wird. Glasklänge als solche ertönen, werden zu selbst ernannten Akteuren und inszenieren eine Bewegung durch den Raum in einem Ambiente von kreisförmig angeordneten Schalen. Eine abstrakte, handlungsreiche Aufführungssituation wird suggeriert.
Die Installation ist zudem bewußt als Skulptur und als Zeichnung geplant. Die verschiedenartigen Materialien wie Gipskegel, Papierschalen und Ständer wählte der Künstler gezielt aus. Die elektrischen Kabel, die von der Decke herabhängen, nutzt Heyduck als ein quasi zeichnerisches, graphisches Raumelement. Der Raum als bildlich gestalteter und als mit Klang gefüllter Raum umschreibt eine ästhetisch reduzierte, mystisch rätselhafte Situation. Der Klang aus dem Weinglas, aufgezeichnet und transponiert, steht zudem für eingefangene Erinnerung, für Aufzeichnung einer vergangenen Begebenheit. Die Zahl zwölf, hinweisend auf den Stunden- oder Jahreskreis, die Schalen als aufnehmende und – in der Funktion als Lautsprecher – wiedergebende Elemente unterstreichen die Wirkung von Verinnerlichung und Feingliedrigkeit.

Eröffnet wurde die Ausstellung mit Andreas Subergs interaktiver Aktion Brich den Stab (Remix 2004) [1]. Jeder Besucher erhielt einen in Luftpolsterfolie eingeschweißten Glasstab, den er in den Pausen (den Besinnungs- und Entscheidungsräumen) der aufgeführten elektronischen Komposition zerbrach.
In einen anderen Zustand überführt, wurde das multiple Objekt als Aktionsrelikt anschließend einer weiteren Transformation unterzogen und innerhalb der Installation Kubus (Brich den Stab) von Heyduck und Suberg in neue Bedeutungszusammenhänge gerückt.

In einen Glaskubus geworfen werden die im Zufallsprinzip geschichteten Stäbe durch eine verborgene Mechanik bewegt, beleuchtet und von einer Minikamera beobachtet, die diese Vorgänge als Video an die Wand spielt. Klänge entstehen durch die Reibungen. Die Formen im Video und die Töne sind so überraschend naturgemäß überformt, dass sie nicht mehr ohne weiteres auf ihre Herkunft schließen lassen. Suberg verwendet gesampelte Klänge, deren Oberflächenstrukturen reizvoller aufbrechen als synthetisch erzeugte Klangstrukturen. Licht, Bild, Bewegung und Klang gehen in dieser Gemeinschaftsarbeit der beiden Künstler ein gleichgewichtiges Verhältnis ein.
Hinhören und Hinschauen gehen eine Einheit ein. Es gibt keine Hierarchie zwischen den Tönen und den optischen Reizen, zwischen Klängen für das Ohr und Klängen für das Auge.

Andreas Suberg entwickelte eine Datenbank für Klänge, zwölf Gläser: eingemachter Klang. Klänge sind eingefangen in Einmachgläsern. Schwarz umrandete Etiketten geben Auskunft über die Art der Klangerzeugung, den Aufnahmeort, das Aufnahme- und Verfallsdatum. Klänge sind als Objekte eingemacht. Teilweise werden diese wiederum als Material in den Kompositionen verwendet, wie z.B. Schneidegeräusche oder Sequenzen von reibendem oder entzwei brechendem Glas. Witz und Ironie ist mit im Spiel.

Andreas Suberg zeigt in dieser Ausstellung eine ganze Reihe von Glasobjekten, von Ready-mades wie Glasspritzen, Destillierkolben, Fläschchen, Murmeln usw., auch Rauminstallationen wie Dioptrien 8 und Glas-Plastiken, die zugleich als Instrumente und als Glasklangobjekte fungieren und teilweise im Konzert des Glasotronik-Ensembles zu hören waren. Bei allem äußert sich Subergs feinsinniges und ausgeprägtes Gespür für die Annäherung an die glasklanglichen Phänomene. Auf ungewöhnliche Weise dringt Andreas Suberg in das Innerste der Klänge ein und macht ihre Komplexität erfahrbar.

Der Akt der Zerstörung von Glas ist dem Künstler nicht wichtig. Er wird stets nur dokumentarisch als Geräusch festgehalten, der zerstörende Akt nie live gezeigt. Allein das Geräusch wird zum Ausgangspunkt einer Entwicklung, oft über Computer analysiert, gesampelt, transponiert, rhythmisch neu strukturiert. Dieweil begegnet man dichten Klangfeldern, die gelegentlich statisch und monoton wirken, dann wieder ein Füllhorn von Klangsplittern ausschütten. Bisweilen unterbrechen prägnante Klänge, Melodien, Rhythmen das Geschehen, ohne bestehende Strukturen zu zerreißen. Suberg fragmentiert Klänge. Einzelergebnisse werden isoliert, Detailstrukturen aufgefächert und in neue Zusammenhänge gebracht.

Die haptische Qualität eines Klangs, z.B. eine glasglatte Oberfläche oder eine wellig-harte, läßt den Klang gleichsam berühren, den Klang sichtbar machen, illuminiert einen Klang, der von weit herkommt und seine volle Klangblüte erst in der Nähe entfaltet. Der Weg ins Innere des Materials bedeutet für Suberg eine Erforschungsreise in die bewegten Strukturen des Glases – eines altehrwürdigen Kunst-Stoffes, dessen Faszination über Jahrhunderte Menschen in China und Persien bewegte und in Mexiko als Produkt eines göttlichen Feuers galt. Glas bewegt den Menschen im Innersten, verweist es doch auf die Zerbrechlichkeit der eigenen Existenz oder erlaubt es, sich hinter ihm zu verstecken. Mozart, Beethoven und Strauss drangen in die fragilen Glasklänge ein, Goethe und Schiller und Dichter der empfindsamen Epoche erkannten im Klang der Glasharmonika einen vergleichbaren Ausdruck von Weltschmerz. Doch eine wirkliche abendländische Tradition zeichnet sich nicht ab. Es ist Andreas Suberg zu danken, dass die Klangwelten von Glas, neu entdeckt, Einzug in die ernste Musik genommen und in Klangobjekten eine neue Realität gefunden haben.

„Die Klangmaterialität von Glas ist eine spezielle, die viele Natur- und Obertöne enthält“, erläuterte Suberg in einem Interview in Düren. Das reiche Frequenzspektrum erinnert an Spaltklänge und macht daher die Kombination mit elektronischen Klängen so schlüssig. Zudem erfindet Suberg mit Glas seine eigenen Instrumente und bestimmt damit selbst die Bedingungen und das Reglement. Er erobert sich dadurch eine unendliche Freiheit.

„Ich baue meine Welt selbst, den Kosmos, der mich führt, nehme das vorhandene Material Glas und setze dieses einer ständigen klanglichen und bildkünstlerischen Mutation aus. Meine Objekte sind Objets trouvés acoustiques, Ready-mades – Objekte als Relikte aus Aktionen. Sie werden aufgeladen mit Erinnerungen und gehen damit über in eine andere Manifestation, in eine andere Objekthaftigkeit.“ Eine Spritze beispielsweise bleibt zwar eine Spritze, erfährt aber durch die Nutzung in anderen Zusammenhängen eine Aufladung mit Geschehenem, Gehörtem. Sie ist nun be-schichtet mit Ge-schichte. Sie hat Gedächtnis angenommen. Alles was Körper hat, hat Kraft und ist – laut Albert Einstein – in ständiger Bewegung und Veränderung. Objekte enthalten Wesen, Ausstrahlung, Kraft. Ihr Wandel und ihre aufladende Kraft ist wissenschaftsphilosophisch Fakt.


[1] Urfassung: Brich den Stab – Multiple Kunst- und Musikaktion von Andreas H.H. Suberg und Günter Maniewski (Auftragsarbeit anlässlich des 25. Deutschen Evangelischen Kirchentages München 1993)


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