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Joachim Geil

Glasotronik und fragile.


Es geht also um eines. Um das Zerbrechlichste, was man sich nur vorstellen kann. Es geht um nichts anderes als die Welt. Die Welt, die minütlich, sekündlich, in jedem Takt, in jedem Ton, in jedem Klang neu erfunden wird. Glasotronik ist nicht mehr und nicht weniger als die Erschaffung der Welt aus der Idee des Glases. Und die Idee des Glases spannt sich weit. Andreas Suberg hat aus dieser Welt, die er stets aufs Neue erfindet, ein Archiv zusammengestellt, das erahnen lässt, was alles in diese vielschichtige Welt mit unendlich vielen Untertönen hineingehört. Diese Welt ist nicht das Archiv. Die Welt ist das, was es in diesem Archiv zu entdecken gibt.

Hier geht es um mehr als nur Musik, mehr als nur Kunst, mehr als nur Performance oder Aktion. Glasotronik bedeutet das Durchdringen unterschiedlicher Wahrnehmungsfelder. Glasotronik heißt Welt. Welt heißt Bewusstsein. Und Bewusstsein bedeutet das Ineinandergreifen und Zusammenfügen einer Gegenwart und einer Vergangenheit mit der Option auf die Zukunft. Der flüchtige Augenblick des Klanges und der Musik ist hier Material und Medium zugleich. Seit 1990 erkundet Andreas Suberg die Welt mit dem Bewusstsein des Glases als Urstoff.

Glasotronik ist Ausstellung, Musikensemble und Performance, aber geht weit darüber hinaus. Das, was man in der Kunstwissenschaft und Ästhetik als Synästhesie bezeichnet, ergibt eine Vorstellung, die das Ineinandergreifen der Sinne und deren Ausdrucksmöglichkeiten meint. Es ist aber auch die besondere Befähigung, zum Beispiel mit Farben Töne zu verbinden, die „Audition colorée“ bei Baudelaire. Synästhesie ist eine alte künstlerische Methode der Reizverschmelzung. Eine Verschmelzung benötigt stets eine bestimmte äußere Bedingung, eine Energie, die freiwerden muss, um einen solchen Prozess, sei er nun chemisch oder ästhetisch, in Gang zu setzen. Glas zum Beispiel schmilzt bei einer Temperatur von ungefähr 1000 ° Celsius.

In die glasotronische Welt hat Andreas Suberg mittlerweile andere Musiker hineingezogen und zu einem Ensemble verschmolzen. Ganz besonders den Videokünstler und Komponisten Nikolaus Heyduck, der die glasotronische Klang- und Bildwelt seit vielen Jahren kongenial mitprägt. Glasotronik verbindet als Wort zunächst die elektro-akustische Musik mit dem Material Glas. Glasotronik verbindet als Welt die Archaik und sogar die Erdgeschichte mit neuer Hochtechnologie. Die elektro-akustische Musik scheint in der Erzeugung und Verwandlung von Klangmaterial eine notwendige glasotronische Voraussetzung. Das Sampling, das Verschmelzen vorgefundener Materialien, Klangaufnahmen und Klangfetzen, entspricht dem unbändigen glasotronischen Erkundungswillen.

Die Welt der Glasotronik steht damit aber auch in einer bildkünstlerischen Tradition der großen Kundschafter und Entdecker, die die Grenzen der Kunst immer wieder aufs Neue gesprengt haben, weil sie bis heute immer wieder eng scheinen. Da ist zunächst Wassily Kandinsky, ein Synästhetiker und Erforscher des Geistigen in der Kunst, der den Antrieb des Künstlers, den Schaffensprozess, aber auch die Schaffung des Kosmos im Kopf des Künstlers in seinem Buch Über das Geistige in der Kunst als „innere Notwendigkeit“ bezeichnet hat. Ein Begriff, der auf das fragile, aber ebenso überwältigende glasotronische Archiv in hohem Maße zutrifft.

Ebenso weitreichend wie die Reflexionen Kandinskys waren die Findungen und Erfindungen von Marcel Duchamp. Er hat ähnlich besessen wie Andreas Suberg das Vorgefundene aus der sogenannten realen Welt des Alltäglichen und Unglaublichen in sein neues Universum aufgenommen und eingefügt: als Objet trouvé. Und fügt man das Objet trouvé in ein künstlerisches Universum, eine neue Wirklichkeit in des Wortes direkter Bedeutung, ein, dann stellt man fest, dass das Objekt aus der alten Wirklichkeit schon fertig ist. Aber es bedarf einer Verortung, Integration und eines neuen Namens: Duchamp nannte dieses fertige Objekt der neuen künstlerischen Wirklichkeit ready-made. Er hat damit eine Revolution ausgesprochen: Kunst zeigt sich also nicht als das von Menschenhand Gemachte, sondern das Gedachte, Kunst zeigt die Wirklichkeit im Kopf: Eine solche Wirklichkeit ist Glasotronik.

Aber der Begriff erlaubt eine weitere Idee: Glasotronik ist eine wissenschaftliche Methodik der energetischen Verschmelzung im Sinne des Dritten, der hier noch fehlt: Joseph Beuys, der in seinen bis ins Politische getriebenen Aktionen, aber auch aus seinem anthroposophischen Hintergrund heraus, stets Grenzen eingerissen und überwunden hat und schließlich den Betrachter zum Autor und Künstler werden ließ.

Schließt man den Kreis wiederum zur Musik, so ist Andreas Suberg von der Elektronik ausgegangen. Er setzt sie auch eindrücklich apparativ ein, aber nicht als Medium künstlerischen Selbstverständnisses oder gar Selbstzweckes, sondern als Apparatur, um dem Glas auf die Spur zu kommen. Glas ist wie ein Element, das er gefunden hat, um von ihm die Welt abzuleiten. Glas hat eine assoziative Bandbreite, die sich in den glasotronischen Arbeiten, den musikalischen, installativen und performativen, als unerschöpflich erweist und immer wieder geradezu selbstverständlich Verschmelzungen von Bildender Kunst, Musik und Formen des Theatralischen erfordert. Glasotronik hat bei jedem, ob beteiligtem Musiker, Performer oder Zuschauer und Betrachter immer eine fast unbändige synaptische Arbeit zur Folge. Man gerät in einen Sog der Gedankenarbeit, Ideen überschlagen sich, Erinnerungen und Vorstellungen klanglicher, haptischer und visueller Art mischen sich und werden zu einem eigenen Archiv, das plötzlich an die Seite des Archivs tritt. Glasotronik bedeutet auch die Erweiterung des Vorgefundenen hin zu seiner eigenen Person. Kann Kunst etwas Größeres leisten als im Leben anzukommen?

Einige glasotronische Apparaturen und Fundstücke seien hier kurz vorgestellt. Es sind Gegenstände, die in die Welt des Andreas Suberg – man müsste ihn als den ersten Glasotroniker bezeichnen – Eingang gefunden haben oder von ihm erfunden worden sind, auf dem glasotronischen Weg, den er mit Nikolaus Heyduck beschreitet, dem zweiten Wanderer zwischen den Klang- und Bildwelten.

In der Welt der Glasotronik findet das Sehen niemals ohne das Hören statt. Alles Sichtbare hat seinen Ursprung oder seine Konsequenz im Hörbaren. Glasotronik umfasst also: GlasKlangObjekte, Klanginstallationen, Videos, graphische Partituren, Graphiken, Text und Musik. Und Musik und Klang werden graphisch sichtbar gemacht. Suberg hat Partituren entwickelt, die nichts mehr mit herkömmlicher Notenschrift zu tun haben, sondern piktographische Anweisungen enthalten, wie nun die Objekte, Körper und Instrumente aus Glas zum Einsatz kommen sollen. Die glasotronische Klangmetaphorik kennt in Bezug auf das Material Glas vor allem zwei Anknüpfungspunkte: einmal Glas als geblasenes oder gegossenes Gefäß, sei es nun ein Behältnis oder ein gläsernes Blasinstrument mit Klangtrichter. Zum anderen Glas als Splitter, als Bruchstück, als gefundenes und klanglich ausgelotetes Fundstück, das nach seiner bewiesenen Zerbrechlichkeit durch Anstoßen oder Anklopfen einen Klang preisgibt. Dieser Klang kann selbst der Bruch von Glasmaterial sein, der nun elektronisch archiviert und zur weiteren glasotronischen Verwendung einverleibt wird. In der Installation eingemachter Klang werden Einmachgläser zu durchsichtigen Archivbehältern des flüchtigen Klanges, der aus einem Samplemodul in die gläserne Form geschickt wird und aus ihrer Öffnung herausschallt. So entsteht aus dem Mit- und Gegeneinander der Klangobjekte und Instrumente und der ihnen bereits entlockten, „eingemachten“ und nun mittels Effektprozessoren und Mikrophonen eingespielten Klänge eine Fülle gegenseitiger Beeinflussungen. Glasperlenspiel, Trichterbäume, Glastrompeten und Glasharfen schaffen ein gigantisches Klangarchiv im Kopf des Besuchers, der zugleich Hörer, Betrachter, Zuschauer und Akteur ist.


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