X Fenster schließen

Christoph Schneider

Gläserne Klänge


Das schlichte Wort Bruchstück hat im Museum Ettlingen derzeit einen ganz eigenen Klang. Verbinden doch Andreas H. H. Suberg und Nikolaus Heyduck in ihrer Ausstellung „Glasotronik/fragile“ gläserne Objekte mit Musik.
Mindestens drei Mal im Jahr werden im Ettlinger Schloss, das eine umfangreiche stadtgeschichtliche Sammlung und viel Malerei beherbergt, einige der Säle ganz geräumt, um der zeitgenössischen Kunst im historischen Umfeld Platz zu machen. Der große technische Aufwand und das kuratorische Engagement sind in ein Gesamtprofil kunst- und kulturhistorischen Interesses eingebunden, das immer wieder Tradition mit Innovation verbindet. Die Ausstellung „Glasotronik/fragile“ thematisiert genau diesen Zusammenhang, da eine derartige „Klangkunst“ per se zum Überschreiten der Gattungsgrenzen auffordert.
Innerhalb der artifiziellen Welt der Glasotronik, die multimedial und interdisziplinär aus der Synthese von Glas und Elektronik entstanden ist, evozieren Assoziationen an kosmische Zeitläufte und an die Fragilität menschlicher Existenz Themen künstlerischer Auseinandersetzung. In ihren Videoinstallationen arbeiten die beiden Klangkünstler mit zwei stark kontrastierenden bildnerischen Grundelementen: Zum einen der schnelle auf die Bildmitte zentrierte Wechsel der konstruktiven schwarz-weißen Signets „Vorsicht Glas“, die, auf Kisten geklebt, Hinweis auf deren zerbrechlichen Inhalt geben. Zum anderen bilden die informell, surreal und manchmal naturalistisch anmutenden blaugrundigen Videoaufnahmen eines um sich selbst rotierenden gläsernen Hohlkopfes das visuelle Ausgangsmaterial des „gläsernen Rundtanzes“.


Dramaturgie von Stille und Klang, Skulptur und Instrument

In drei aufeinander folgenden Ausstellungsräumen entwickeln die beiden Künstler und Komponisten Andreas H. H. Suberg (Freiburg) und Nikolaus Heyduck (Frankfurt), die sich durch das gemeinsame Spiel mit und in dem international besetzten Glasotronik-Ensemble kennen gelernt haben, ihre ästhetischen Kompositionen zwischen Kunst und Musik. Aus diesem performativ-konzertanten Ursprung sind interaktive Klangobjekte, Bilder, Grafiken und Videos entstanden, die die musikalische Welt in eine bild- und objekthafte Welt transformieren. Seit einigen Jahren findet so die Klangwelt in immer neuen Ausstellungszusammenhängen ihre Entsprechung.
Einige Fundstücke, eine Sammlung industrieller Erzeugnisse aus Glas und skurrile Apparaturen in Vitrinen sowie großformatige Detailfotos – stark vergrößerte Ausschnitte fremder bunter Glaswelten - ergänzen in nahezu enzyklopädischer Weise die Gesamtsicht auf das Material und Medium.
Jeder Raum ist für sich eine atmosphärisch-gestalterische Einheit. Im Zusammenklang des Hintereinander entsteht eine Dramaturgie von Stille und Klang, von statischer Symmetrie und kalkulierter Bewegung. Serielle Prinzipien visualisieren sich in den Bildfolgen verfremdeter Piktogramme und stilisierter Partiturenelemente. Es sind Zeichensysteme, die zugleich als grafische Bilderfindungen und als konkrete Anleitung für ein Zusammenspiel im Ensemble funktionieren. Vergleichbare Kompositionsprinzipien sind in der „glasotronischen“ Musik und ihren gläsernen Klängen immer wieder hörbar und begleiten die Besucher. Gleichzeitig werden gläserne Instrumente, wie Trichterbäume, Glastrompeten und Glasharfen sowie Klangapparaturen innerhalb der Ausstellung in einen skulpturalen Kontext transponiert und scheinen nun ein stummes Eigenleben zu führen. Manche jedoch können per Knopfdruck zum Leben erweckt werden. Besucher werden zum Experimentieren aufgefordert und können den Objekten ungewöhnliche Klänge entlocken. Diese Erfahrungswelt zwischen Stille und Klang, interaktiver Forderung und fast meditativen Schauen macht den ungeheuren Reiz dieser Ausstellung aus.


X Fenster schließen