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PartiturausschnittAndreas H.H. Suberg

Lineamente
(1989/90)

Die Zweckbestimmung der Auftragskomposition implizierte deren Thematik und Konzeption. Nichts lag näher, als zur Eröffnung der 2. Abteilung des Museums für Zeitgenössische Glasmalerei in Langen zum 60. Geburtstag des Glaskünstlers Johannes Schreiter eine Glasmusik zu komponieren.
Die Analogie des Materials in verschiedenen künstlerischen Erscheinungsformen bot einen entscheidenden Ansatzpunkt für die Konzeption.
Die künstlerische Disziplin hinkt der Bildenden Kunst in Bezug auf die Materialauslotung und -erschöpfung von Glas sichtlich hinterher; einige wenige Hinweise aus der Musikgeschichte lassen dies erkennen.
Interessant scheint hier der globale Bezug von Glas zu den Elementen. Bei der Entstehung wirken die Elemente Feuer und Erde zusammen und entlassen den Werkstoff Glas. Dieses Material wirkt nun in der Glaskunst erst durch die Einbeziehung von Licht; erst durch die Durchdringung von Licht entfaltet ein Glasbild seine volle Wirkung.
Die Durchlässigkeit von Licht ist für den Werkstoff Glas signifikant. In der Akustik ist das Element Luft ein tragendes in der Übertragung von Schallwellen. Bei der Tonerzeugung des Glasinstrumentariums wirken die Elemente Luft, Wasser, Erde und Feuer zusammen.
In beiden Fällen, Kunst und Musik, bestimmt das jeweilige Zusammenspiel der Kräfte (Elemente) die jeweilige Erscheinungsform, visuell bzw. auditiv.
Dem eigentlichen Kompositionsvorgang ging eine dreimonatige Experimentierphase voraus. Hier ging es darum, das Material Glas akustisch auszuwerten und ein Instrumentarium zu entwickeln und zu bauen, das genug Stoff bot, um eine Komposition hierfür zu erstellen.
In Anlehnung an die Bildende Kunst sei in diesem Zusammenhang der Begriff des “objet trouvé acoustique” für solcherlei Instrumente geprägt, die durch den Akt des Findens das zu verwendende Tonmaterial prädestinieren.
Während der intensiven Beschäftigung mit dem Werk von Johannes Schreiter, hier speziell den Glasbildern, rückte das Phänomen der “Autonomie der Linie” immer mehr in den Brennpunkt des Interesses. Die Verbleiung in den Schreiterschen Glasbildern existiert nicht mehr aus einer technischen Notwendigkeit heraus, sondern unterliegt vielmehr einer freien Verfügbarkeit, die sich darin äußert, daß die Linie und das Liniennetzwerk in ihrer Eigenwilligkeit Kontrapunkte setzen, Trennendes und Verbindendes schaffen, zu den in Spartanität gehaltenen, kompositorisch bewußt gesetzten Farbflächen.
Die Komposition Lineamente versucht all diese Beobachtungen zu reflektieren, ebenso der Titel (med.: Linien in der Hand oder im Antlitz; geol.: Erdnähte).
Durch Zuhilfenahme von technischem Gerät wurden Arbeitsgeräusche aus einer Glaswerkstatt archiviert. Zunächst als unregelmäßig eingesetztes Ostinato verlieren sie im Verlauf der Komposition immer mehr ihren Verweischarakter und werden allmählich so in die Komposition integriert, daß eine Überführung des Alltäglichen auf eine ästhetische Ebene vollzogen wird.
Die Kombination des Werkstoffs Glas mit Elektronik setzt nicht nur neue Akzente in der Materialfindung, sondern schlägt eine Brücke über den Zeitraum von ca. 5000 Jahren – seit der Entwicklung des Glases, dem ältesten Kunststoff der Welt, bis hin zu der der High-Technologie.

Die Komposition Lineamente ist Johannes Schreiter gewidmet, ohne dessen großartiges Werk diese Glasmusik nicht hätte entstehen können.

A.H.H.S.
1990